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PRESSEARTIKEL: ELSNER UND DIE DETEKTIVE:

von Cornelia Haupt Dezember 2006

Der Bawag-Krimi:

In New York suchten Detektive nach den Kunstwerken Flöttls und wurden fündig. In Frankreich observierte ein Wiener Detektiv die Nobelanlage, wo Elsner schwer herzkrank und nicht transportfähig verweilt. Tatsächlich führten die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichten Fotos tatsächlich zur Verhaftung Elsners.

Seit Wochenbeginn war im Kurier-Auftrag Martin Ulm in Südfrankreich dem skandalumwitterten Ex-Banker Helmut Elsner auf der Spur. Er begleitete ihn unerkannt auf allen Wegen und fotografierte ihn auch mit überraschend prominenten Besuchern aus Österreich. Ulm machte das letzte Foto von Elsner vor dessen Verhaftung: Der Ex-Bawag- Boss mit seiner Ehefrau Ruth und einem Porsche Carrera vor der Klinik in Mougins. In den Freitag-Ausgaben (15.9.2006) anderer Tageszeitungen erschienen ebenfalls Elsner-Bilder.

Die waren alt - oder sie zeigten einen anderen Porsche mit einem angeblich anderen Chauffeur“, berichtete der Kurier am 16.9.2006. Martin Ulm, 36 Jahre alt, Berufsdetektiv in Wien, war im Auftrag des Kurier auf den Spuren Elsners. Freitag, 8. 9., 14 Uhr, Martin Ulm bezieht Stellung in der noblen Villenanlage Domaine Parcs de Mougins an der Côte d’Azur. In einem unscheinbaren, französischen Leihauto observiert Ulm mit seiner Mitarbeiterin den Hinterausgang der Villenanlage in Mougins. Ruth Elsner kurvt im Mercedes durch die Pinien-Allee. Damit steht fest, Elsner ist vor Ort, aber am Golfplatz lässt er sich nicht blicken. Ziel der Beobachtung war, festzustellen, ob Elsner, so wie den Behörden glaubhaft gemacht wurde, wirklich so krank und nicht transportfähig sei.

Nachdem der Luxusbankier einen Vernehmungstermin der Staatsanwaltschaft Wien „aus gesundheitlichen Gründen“ platzen ließ, fragte sich nicht nur der Kurier, wie krank Elsner wirklich sei. Sein Anwalt Wolfgang Schubert versicherte, sein Mandant könne „nur einige Meter auf seinem Grundstück gehen“, zudem würde er von Herzproblemen geplagt. Hohe Zäune schirmen die Anlage ab, Videokameras dokumentieren jede Bewegung und an den Einfahrten wachen Security- Guards. Hier verweilte Helmut Elsner nebst Gattin Ruth und diese schätzen die Diskretion. Das Ehepaar residierte in einem Chalet, zwei schwarze Mercedes S-Klasse und ein schwarzer Porsche stehen im Anwesen. Martin Ulms Resümee: „Elsner ist durchaus gut zu Fuß und macht auch sonst nicht den Eindruck, sehr krank zu sein.“ Ulms Ausbeute sind Fotos von einem Treffen mit dem Ex-ÖVP-Obmann Josef Taus, von einem Ausflug ins Labor einer Klinik in Mougins, wo Elsner gerade einmal 10 Minuten untersucht wurde, sowie das letzte Bild in Freiheit: Elsner auf dem Beifahrersitz des schwarzen Porsche Carrera. Das Fahrzeug lenkte seine Frau Ruth. Ohne zu wissen, dass es ihr letzter gemeinsamer Ausflug in Freiheit sein würde.

Am Donnerstag, den 14.9.2006, wird Elsner von den französischen Behörden verhaftet.

Während Mitte Oktober in Frankreich heftig um die Frage gerungen wird, ob Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner transportfähig ist oder nicht, stellt sein Anwalt in Wien, Wolfgang Schubert, überhaupt den Prozess in Frage. So wurde am 12.10. beim Unabhängigen Verwaltungssenat in Wien Beschwerde erhoben, dass in Österreich wegen der fortgesetzten Indiskretionen der Justizbehörden ein fairer Prozess nicht möglich sei. Denn dieser Prozess würde von zwei Berufsrichtern und zwei beeinflussten Laienrichtern (Schöffen) geführt werden. Bereits Anfang Oktober druckte die Zeitschrift News die erst eine Woche danach (!) genehmigte Anklageschrift ab. Damit werde einseitig die Öffentlichkeit beeinflusst, während die Beklagten bisher kaum Akteneinsicht gehabt haben, so Schubert.

„In Österreich wurde eine hasserfüllte Stimmung mir gegenüber erzeugt“, sagt Helmut Elsner. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Bawag- Anklage „immer dieselbe Art zu spekulieren. Jedes Mal wurde - nach dem Motto, einmal muss doch Rot kommen - auf fallende Yen-Kurse gesetzt. Jedes Mal war das Glück den Beschuldigten nicht zugetan. Der zentrale Vorwurf (Untreue) liegt darin, ab Herbst 1998 unvertretbar riskante Geschäfte ohne annähernd ausreichende Sicherheiten“ mit dem lange Zeit als Finanzgenie geltenden Wolfgang Flöttl eingegangen zu sein. Man habe „dem Verlorenen“ immer mehr Geld „hinterher geworfen“. Helmut Elsner befahl laut Anklage „Durchhalten“. Insgesamt setzten er und seine Helfer drei Mal auf Flöttl, und zwar in den Sand, was mit einem (vorläufigen) Gesamtschaden von 1,5 Milliarden Euro beziffert wird. Ein eigenes Kapitel widmet die Anklage dem Aufsichtsrat der Bawag und dessen Vorsitzenden Günter Weninger. Dieser sei seinem Amt „intellektuell und fachlich wohl nur zum Teil gewachsen“ gewesen. Der ganze Aufsichtsrat habe nur ein Dasein „als lästiges“, zum Einsatz als Schutzschild jedoch „nützliches Werkzeug“ gefristet. Er wurde von Elsner laut Anklage zum Teil bewusst in die Irre geführt, zum Teil wurden Anträge nur „unreflektiert abgenickt“. Eigens zum Zweck der Verschleierung der Verluste sei eine „Bilanzrunde“ gegründet worden: „Die Protokolle der Sitzungen geben ein erschreckendes Bild darüber, wie z. B. rückdatierte Optionen und Lügen an die Bankaufsicht vorbereitet wurden.“ Zur Verschleierung der Bank-Bilanz diente auch die als Sicherheit für die Spekulationsgeschäfte eingesetzte Gemäldesammlung Flöttls.

Elsner&Co erklärten sich selbst zu „Kunstsachverständigen“ und bewerteten Manet-, Van Gogh- und Picasso-Bilder schamlos über. Die Werke erzielten dann nur einen Bruchteil der angesetzten Beträge. Schon 1994 hätte es einen Bawag- Prozess geben können. Flöttls Karibikgeschäfte ab 1988 verletzten das Aktiengesetz, brachten der Bawag aber noch satte Gewinne. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren deshalb ein. Ab diesem Zeitpunkt wurde getäuscht und getrickst: So investierte man beispielsweise Millionen US-Dollar nach außen hin in japanische Staatsanleihen, die zu den sichersten Wertpapieren der Welt zählen, während das Geld in Wahrheit in die risikoträchtigsten Währungsspekulationen gesteckt wurde, was prompt schief ging. Mit einem Prozessbeginn wird im Februar 2007 gerechnet, den Beschuldigten drohen bis zu zehn Jahre Haft. Neuer Lostag für Ex- Bawag-Chef Helmut Elsner ist der 28. November. An diesem Tag entscheidet ein Pariser Gericht über seinen Transport nach Österreich. Der ehemalige Chef der Gewerkschaftsbank befindet sich derzeit noch in Südfrankreich, wo er verhaftet wurde. Bisher ist er jedoch seiner Auslieferung unter Hinweis auf seine Herz-Erkrankung entgangen. Beim Bawag-Prozess hingegen (die Anklage lautet auf Untreue, schweren Betrug und Bilanzfälschung im Zusammenhang mit den Karibikgeschäften – der Strafrahmen beträgt bis zu zehn Jahre) wird es konkret: Die Staatsanwaltschaft in Wien hat die Anklagen dem zuständigen Gericht zugestellt.

Angeklagt sind neun Personen, darunter die früheren Bawag-Chefs Elsner und Johann Zwettler, der frühere Bawag-Aufsichtsratspräsident und ÖGB-Finanzchef Günter Weninger, der Investmentbanker Wolfgang Flöttl sowie fünf weitere Personen. Ob auch der ehemalige ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch vor Gericht muss, ist noch offen. Der Prozess News, 28.4.1994 (Repro Zeitschriftenarchiv „der detektiv“ 18 "der detektiv" Dezember 2006 könnte im Februar oder März beginnen. Am 10.11.2006 schlägt der Ex-Bawag Direktor zurück und bekämpft die Anklage. Die Staatsanwaltschaft Wien wirft ihm Untreue und schweren Betrug vor - mit einer gigantischen Schadenssumme: 1,4 Mrd. Euro. „Ich erhebe gegen die Anklageschrift (...) Einspruch und begründe diesen wie folgt . . .“, schreibt der 71-jährige an das Gericht. Und er argumentiert hart.

Erstens: „Meiner Verteidigung wurde bis zum heutigen Tag noch immer keine vollständige Abschrift des Strafaktes ausgefolgt.“ Dies sei glatt „rechtswidrig“, denn: Er habe den Einspruch innerhalb einer Zwei-Wochen-Frist einbringen müssen, aber die Justiz habe ihm „die materielle Grundlage“, eben Aktenteile, vorenthalten.
Zweitens: „Die österreichische Justizverwaltung“ gebe „seit Monaten“ streng vertrauliche Information an Printmedien.

Die BAWAG hat Ende Juni in New York eine Detektei beauftragt, die dem Verbleib der Kunstwerke, die einst Wolfgang Flöttl gehört haben, nachgehen soll. Nach dem Karibik-Skandal musste BAWAG Spekulationspartner Flöttl der Bank seine Kunstsammlung abtreten. Diese wurde in einem Depot in Zürich gelagert. Die Bilder sollen bei Auktionen verkauft worden sein, doch Belege sind verschwunden. Die BAWAG hat für den Verkauf der Kunstwerke rund 190 Millionen USDollar bekommen, der tatsächliche Wert dürfte deutlich höher gewesen sein. In einem Notenbank-Bericht heißt es laut „WirtschaftsBlatt“: Bezüglich bei der Firma Mat Securitas eingelagerte Gemälde seien Ex-BAWAG-Direktor Helmut Elsner und die ehemaligen Vorstände Johann Zwettler, Hubert Kreuch und Josef Schwarzecker „zeichnungsberechtigt“.

Im September wurden die Detektive fündig. Über 50 jener zum Teil überaus wertvollen Gemälde, die US-Investmentbanker Wolfgang Flöttl gehört haben und die dieser auf Rechnung der BAWAG versilbern sollte, wurden gefunden. 78 Gemälde - von Malern wie Cézanne, van Gogh, Renoir, Picasso bis zu US-Popart-Künstler Robert Rauschenberg - hatte Flöttl ab Herbst 1998 in einem Depot am Zürcher Flughafen Kloten einlagern müssen. Damals waren die ersten Karibik-Verluste angefallen, der glücklose Banker hatte der BAWAG sein Vermögen überschrieben. Mit der Verwertung hatten die BAWAG-Chefs Flöttl beauftragt: Es sollte ja nicht auffallen, dass der Kunstsammler so gut wie pleite war, weil damit auch die BAWAG in die Luft geflogen wäre.

Flöttl, der seine Sammlung zu einem Gutteil auf Pump finanziert hatte, tat anscheinend wie ihm geheißen - allerdings war mangels Dokumentation nicht nachvollziehbar, an wen er wann und um wie viel Geld verkauft hat, schreibt die Tageszeitung „Der Standard“ am 19.9.2006. Jetzt seien drei Viertel der Sammlung Flöttl-BAWAG aufgespürt: eines in einem US-Casino, viele an den Wänden bekannter Kunstsammler. Komplett sei das Bilderpuzzle aber noch nicht: Jetzt müssen die Detektive herausfinden, über welche Kanäle Flöttl verkauft hat, damit sie dann eruieren können, wohin der Erlös geflossen ist, heißt es.

Denn bei der BAWAG seien nur 193 Mio. Dollar (152 Mio. Euro) gelandet - allein der Schätzwert der Gemälde liege um einiges darüber. weiter. Elsner schreibt dazu: „Maßgeblich beeinflusst durch die widerrechtliche Weitergabe von geheimen Aktenbestandteilen und mit tatkräftiger politischer Unterstützung wurde in Österreich eine geradezu hasserfüllte, (vor)verurteilungsschwangere öffentliche Stimmung gegen mich erzeugt.“ Den dritten Punkt schildert Elsners Anwalt Wolfgang Schubert der „Presse“. Die Anklage (Untreue, Betrug) basiere auf der unabdingbaren Annahme, dass Elsner vorsätzlich gehandelt habe. Bei den Erläuterungen der riesigen Spekulationsverluste (Elsner betraute den Banker Wolfgang Flöttl wiederholt mit hochriskanten Geschäften) werde in der Anklage das Bild vom Glücksspieler verwendet. Dies passe nicht zusammen, stelle einen „Gedankenfehler“ dar: Ein Glücksspieler vertraue auf sein Glück, finde sich nicht mit Verlusten ab. Somit verspiele ein Glücksspieler nie vorsätzlich sein Geld.

Kann Elsner nun als Spieler gesehen werden - als Spieler ohne bösen Vorsatz? Er selber weiß jedenfalls genau, was er will: „Ich stelle den Antrag, (...) das Verfahren einzustellen.“ Somit ist das Oberlandesgericht Wien am Zug. Generell gilt: Nur selten führen Einsprüche zu einer Einstellung des Verfahrens. Sollte die Anklage bestätigt werden, müsste Elsner mit der Last einer solchen Bestätigung in den Prozess ziehen.

Quelle: Der Detektiv, Dezember 2006


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